Eine kritische Auseinandersetzung mit Rohkost

Kritik Am Rohkost Trend?

 

Bereits seit ein paar Jahren möchte ich über meine Erfahrungen mit dem Thema Rohkost schreiben. Da ich dazu aber ziemlich viele Gedanken dazu habe und es mich im Alltag auch wenig beschäftigt, schiebe es immer vor mir her. In den letzten Monaten allerdings habe ich das Gefühl, dass immer mehr deutsche Blogs, fast durchwegs positiv, zum Thema Rohkost bloggen. Meistens beschränkt sich das auf das Posten von Rohkost-Torten oder grünen Smoothies, beides Dinge die ich selbst sehr gerne esse und ich mich immer über neue gute Rezepte freue. Immer öfter sehe ich aber auch Blogger, die zumindest versuchen so viel wie möglich Roh zu essen. Dabei merke ich jedes Mal, dass es mir unter den Nägeln brennt, über das Thema zu reden.

Ein weiterer Grund, warum ich mich jetzt schon so lange mit dem Thema Rohkost schwertue ist, weil es mir ein wenig peinlich ist. Circa 2011 war ich nämlich fest überzeugt, dass Rohkost das beste überhaupt sei und alle möglichen Krankheiten heilen könnte. Kurz gesagt: ich hab das Gefühl ich bin auf etwas reingefallen und ich denke, dass tun viele anderen auch. Zumindest denke ich, dass ein wenig mehr kritisches Hinterfragen von Rohkost mir damals gut getan hätte.

Ich möchte vorweg sagen, dass ich mich nicht gegen Rohkost Malzeiten an sich aussprechen möchte. Ganz im Gegenteil. Ich mag Salate und Smoothies sehr gerne und ich bin mir sicher, dass solche Malzeiten Menschen helfen können, sich gesund zu ernähren. Ich will nicht mal ausschließen, dass es Menschen gibt, die sich zu 90%-100% von Rohkost ernähren und gesund sind. Das Gefährliche an Rohkost ist, meiner Meinung nach, die Ideologie dahinter, bzw. um genauer zu sein: Die Ideologien, denn wenn ich eines aus der Zeit in den Untiefen der Rohkost-Bewegung gelernt habe, dann ist es, dass jeder so ein wenig seine eigene Theorie hat. 

Was ist Rohkost?

Dass es unterschiedliche Theorien zur Rohkost gibt, macht es natürlich schwer Kritik anzuwenden. Allerdings gibt es ein paar Grundannahmen auf die sich die meisten Rohköstler einigen können. Als Rohkost wird Nahrung verstanden die nicht erhitzt ist oder nur bis 48°C, beispielsweise in einem Dörrgerät, erhitzt wurde. Es gibt nicht nur vegane Rohköstler, sondern auch Vegetarier oder Omnivore. Die nicht-vegane Rohkost interessiert mich weniger, da sie auch weniger Einfluss auf die vegane Szene hat. Das Argument für Rohkost ist in 99% der Fällen ein die Gesundheit betreffendes.

 

Die Begründungen für Rohkost sind vielfältig, laufen aber alle auf den Glauben hinaus, dass bei der Erwärmung von Nahrung, die Nahrung weniger gesund wird und Nahrungsstoffe verloren gehen. Oft wird dabei auch auf esoterische Begründungen zurückgegriffen. Rohe Nahrung sei beispielsweise natürlicher, „reiner“ und „näher an der Erde“. Tiere äßen schließlich auch nur Rohkost und der Mensch hätte sich noch nicht an die gekochte Nahrung gewöhnen können. Menschen kochen allerdings bereits seit sehr langer Zeit ihre Nahrung, was auch sinnvoll ist, denn viele nahrhafte und gesunde Lebensmittel – Kartoffeln, Bohnen, Reis – sind nur gekocht verdaulich.

Die Rohkost benutzt die selben Argumente wie auch die Paleo-Bewegung. Wir sollten so essen, wie wir „früher“ gegessen haben. Mit dem Argument gibt es viele Probleme, beispielsweise, dass es nie eine Ernährungsform gab, nach der sich alle Menschen der Welt ernährt haben. Menschen haben sich in der Geschichte jeweils ihrer Umgebung angepasst, um genug Nahrung zu finden. Menschen befinden sich in einer konstanten Evolution, in der sich die Handlungen und damit auch das Nahrungsverhalten verändert.

Genauso wie ich nicht auf ein Haus verzichten würde wenn ich an einem kalten Ort lebe, nur weil es in der Geschichte der Menschheit eine lange Zeit ohne Häuser gab, so würde ich auch nicht meine Nahrung der Nahrung von Menschen an irgendeinem anderen Zeitpunkt in der Geschichte anpassen, sofern ich keine weiteren Argumente dafür habe.

Gesünder? 

Es gibt keine ernstzunehmenden wissenschaftlichen Studien, die zeigen, dass eine Rohkosternährung gesünder ist als beispielsweise eine ausgewogene gekochte Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Bohnen, Reis. Das ist natürlich kein Beweis, dass Rohkost nicht nicht gesünder ist, denn es ist nicht möglich Negative zu beweisen. Die Beweislast liegt hier bei der Rohkost.

Es scheint Menschen zu geben, die von sich behaupten mit einer vollständigen rohen
Ernährung sich gut zu fühlen, aber es gibt eben auch Menschen, die sich dabei nicht gut fühlen. Deswegen ist es nicht genug, wenn ein Rohköstler behauptet seine eigene Gesundheit sei ein Beweis dafür, dass alle Menschen sich roh ernähren müssten um gesund zu werden.

Wie man sieht, habe ich viele Gedanken zum Thema. Ich hoffe in nächster Zeit noch mehr dazu schreiben zu können, denn ich denke ein reflektierter Umgang mit dem Rohkost-Trend ist wichtig. Bis jetzt habe ich relativ allgemein geschrieben, meine meisten Erfahrungen habe ich jedoch mit 80/10/10 und 30 Bananas A Day gemacht, also mit Theorien die auf eine Kohlenhydrat/Obst-lastige Nahrung setzen. Im Nachhinein kann ich sehen, dass es sich hierbei um besonders strenge Rohkostformen handelt und ich mir gut vorstellen kann, dass es auch lockere, weniger gefährliche Rohkostformen gibt, mit denen ich mich nicht auskenne. Entschuldigung im Vorweg also, wenn sich jemand vor den Kopf gestoßen fühlt. Ich will sicherlich niemanden angreifen, der sich mit einer Rohkost-Ernährung wohl fühlt, sondern nur meine Gedanken zu den Gurus und Ideologien dahinter zum Ausdruck bringen.

 

 

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12 Comments

  1. Kontraproduktiv.

    Muss man zu dem Thema wirklich eine Abhandlung schreiben? Vegane Rohkost ist mit Sicherheit im Frühling/Sommer in unseren Breiten die beste Ernährungsweise. Im Winter werden sich die Geister scheiden. Es ist auch eine Frage des Geldes und der Verfügbarkeit hochwertiger Rohkost.

    Man sollte sich zu nichts zwingen – dann fühlt man sich auch nicht genötigt, einen negativen Artikel über Rohkost zu schreiben.

    1. Ich denke schon, dass man radikale Ernährungsformen kritisch hinterfragen muss, gerade wenn sie so populär werden.

      Vegane Rohkost ist mit Sicherheit im Frühling/Sommer in unseren Breiten die beste Ernährungsweise.

      Und woher hast du diese Sicherheit?

  2. Ich bin sehr gespannt auf deine Berichte! Gerade bei so einseitigen Ernährungsformen wie der mit den vielen Bananen packt mich immer das kalte Grausen. Selbst, wenn Rohkost gesünder wäre (ich weiß es nicht), dann bestimmt nicht in dieser Form. Aber online liest man ja immer nur von total begeisterten Leuten. Da freue ich mich schon auf die Erfahrungen einer “Aussteigerin”.
    Liebe Grüße
    Carola

    1. Das freut mich 🙂

      Ich denke, die meisten Leute schreiben eben einfach nicht mehr über Rohkost so bald sie keine Lust mehr darauf haben. Ich kenn allerdings recht viele “aus meiner Zeit”, die das ganze körperlich und psychisch ziemlich fertig gemacht hat und die auch ein wenig sauer sind.

  3. Ich finde das eine oder andere Rohkostrezept auch super, vor allem im Sommer. Aber zum Dogma würde ich es nicht machen. Vor allem, weil es in der Rohkostbewegung viel Esokram gibt. Und oft kommt es mir so vor, als wenn das nur eine “vanity fad diet” ist. Man will halt schlank, gesund und strahlend sein, weil das der Trend ist, gerade bei Frauen. das nervt mich und ich esse lieber weiter Cupcakes:)

    1. Meiner Erfahrung werden die meisten Rohköstler um abzunehmen, und daneben aber auch der Gedanke, dass man super gesund wird. Ich finde beides gefährlich, gerade eben auch zb Versprechungen, dass man keinen Krebs bekommen wenn man Rohkost ist. Und je dogmatischer das wird, desto gefährlicher.

      Ich trinke sehr gerne Smoothies und esse Rohkostkuchen (aber nicht so gerne wie gebackene) aber in den meisten Rezepten ist ja zB auch Agavendicksaft, Kokosnussöl, etc etc drin. Das ist ja bei 80/10/10 und so ähnlichen Sachen alles “verboten”. Wenn sich jemand einfach wohl fühlt beim fast nur salate essen, dann will ich sicher nicht kritisieren. Aber die Interessen eines Raw Food Gurus sind ja ziemlich schamlos.

      Ja, der Esokram… Ich bin da eigentlich so allergisch, aber je länger ich jeden Tag mit Rohköstlern geredet habe, desto mehr hab ich dann auch gezweifelt. Für mich persönlich fühlte sich das alles fast schon Sektenhaft an, gerade jetzt im Nachhinein.

  4. Ich bin auch gespannt auf deine weiteren Berichte. Ist immer interessant von jemandem zu lesen, die oder der selbst Erfahrungen mit einer bestimmten Ernährungsweise gemacht hat und sich differenziert äussern kann.

  5. Merksatz: immer wenn etwas richtig dogmatisch wird (ich denke da an Wandmakers “Willst du gesund sein vergiss den Kochtopf” oder an den gräßlichen Rohkostguru Konz)dann kann man davon ausgehen, dass man diese Thesen mit Vorsicht genießen sollte.
    Sicher ist es gut, wenn die Bevölkerung mehr Rohkost ist als sie das jetzt tut.Ich liebe Smoothies und frische Salate – und könnte sicher noch mehr Rohkost essen als ich das tue. Aber ausschließlich? auf keinen Fall!
    Wer das tun mag, soll es gerne tun (es gibt schlechtere Ernährungsweisen) aber bitte keine Heilsversprechen damit verbinden…
    In diesem Sinne: ein sehr sinnvoller Gedankengang (und keine ellenlange “Abhandlung”

  6. Ich persönlich stelle es mir schwer vor, bei einer Ernährung nur von Rohkost alle wichtigen Nährstoffe aufzunehmen. Die Mahlzeiten müssen dann schon genau geplant und auf alle Inhaltsstoffe geprüft werden, damit keine Mangelerscheinungen auftreten. Dass Rohkost zusätzlich zu warmen Speisen gesund ist, ist unbestritten. Aber man kann es immer auch übertreiben. Ich persönlich esse schon öfters auch gerne warm, vor allem wenn es draußen kalt ist wärmt so eine schöne heiße Suppe von innen. Für mich ist es auch wichtig für mein Wohlbefinden, warme Speisen beruhigen mich teilweise und sind angenehm im Magen. Schlussendlich muss jeder selber entscheiden, was für den eigenen Körper dass richtige ist. Rohkost-Ernährung sollte aber auf jeden Fall kritisch hinterfragt werden, ich finde es toll dass du das Thema angesprochen hast!
    Liebe Grüße, Hannah

  7. Schön & wertvoll solch ehrliche (Selbst-) Kritik zu lesen.

    Bin weder Veganer, expliziter Rohkost- oder Paleo-Fan noch hab sonst Affinitäten zu Ernährungs-Ideologien. Am Ende ist gut was funktioniert und so erkundet man eben viele Kaninchenbauten …

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