“Neue Nazis” – Rechtsradikalismus und Tierrechte?

In einem anderen Blog wurde ich letztens darauf aufmerksam, dass es eine Tendenz von Rechtsradikalen geben solle, sich die Themen (Bio)Landbau, Gentechnik und Tierrechte anzueignen. Ganz überrascht hat es mich nicht, schließlich geht Rechtsradikalismus eigentlich immermit Populismus einher, um die “Mitte der Gesellschaft” anzusprechen und mit einem Wachsenden Bewusstsein für die Probleme der Nahrungsmittelindustrie, lassen sich eben viele Menschen mit diesen Themen erreichen.

Etwas interessantes  hierzu  las ich im neuen Buch von Toralf Staud und Johannes Radke: “Neue Nazis – Jenseits der NPD: Populisten, Autonome Nationalisten und der Terror von Rechts”.

Knapp bietet das 272-Seitige Buch zunächst eine Einführung in den deutschen Rechtsradikalismus post-2. Weltkrieg mit besonderem Augenmerk auf die DDR. Gerade diese geschichtliche Übersicht fand ich sehr interessant. Dann geht es darum dem Klischee des Neonazis auf dem Grund zu gehen und zu zeigen, dass eine rechte Gesinning heutzutage nicht mehr so leicht an Kleidung und Auftreten festzumachen ist. An Hand von Springerstiefel und Glatze lassen sich nur noch wenige Neonazis erkennen. Das Buch erzählt von der Szene der Autonomen Nationalisten, die vor Allem in Dortmund und in Berlin ansässig sind. Die Kleidung ist gemischt aber oft sehr stark von der Szene der Linken abgeschaut. Wenn ihr in Berlin wohnt zB sind euch vielleicht schon die Sticker aufgefallen die zunächst nach Antifa Stickern aussehen, bis man merkt dass es sich eigentlich um Anti-Antifa Sticker handelt… Die Autonomen Nationalisten haben sich aber auch anderes von der linken Szene abgeschaut: Es gibt gemeinsame WGs, viele politische Aktionen und eine recht gute Organisation.

Staud und Radke zeigen die Gefahr auf die von Rechts ausgeht und durch die Harmlosung der Mitte der Gesellschaft, durch Polizei und Parteien wie der CDU noch verstärkt wird. Das rechtradikale sich teilweise so kleiden, dass sie wie linke Autonome aussehen, hilft dem ganzen Unsinn a la Christiane Schröder auch nicht, die ja immer noch behauptet Linksradikalismus wären viel schlimmer als Rechtsradikalismus. Und als Linksradikal wird dann auch jeder bezeichnet der sich offen gegen Neonazis bekennt. Ein interessantes Interview mit einem Aussteiger der Autonomen Rechten ist als Anhang im Buch zu finden.

Das moderne Phänomen der rechtsradikalen Autonomen wird im Buch im Kontext der anderen rechten Strömungen gesehen. Es wird erklärt wie sich beispielsweise NPD und Autonome und Glatzen-Neonazis gegenüber stehen, denn das ist nicht immer freundlich. Gerade deshalb weil es bei Autonomen Kleidung und Essen gibt, dass dem feindlichen schwarzen Amerika entstammt und auch ein Döner wird nicht verschmäht. Ebensso feinden sich teilweise Sarrazinartige Pro Deutschland Bewegungen an, die sich vor Israelkritik hüten, und Antisemitische Sektoren die teilweise dem Islam außerhalb Deutschlands nicht nur negativ gegenüberstehen, schließlich wird der Islam als Israelfeind begrüßt.

Was hat das jetzt mit Tierrechten zu tun?

“In ihren konkreten Forderungen unterscheiden sich Autonome Nationalisten kaum von anderen Rechtsextremisten: Ein “sofortiger Einwanderungsstopp” und “Arbeitsplätze zuerst für Deutsche” werden häufig von ihnen gefordert, ebenso bei Revisionisten beliebte “objektive Aufklärung über die Geschichte des Dritten Reiches”. Allerdings sind die AN besonders flott, wenn es um das Anknüpfen an traditionell linke Themen geht, um Globalisierung, Castor-Transporte oder Ökologie. So gehen beispielsweise Autonome Nationalisten unter dem Motto “Umweltschutz ist Heimatschutz” gemeinsam Müll sammeln. Als im Januar 2011 in Berlin-Mitte mehr als 20000 Menschen unter dem Motto “Wir haben es satt – Nein zu Gentechnik, Tierfabriken und Dumpingexporten” demonstrierten, versuchten sich rund 30 AN-Neonazis einzureihen. Ihr Transparent zeigte, wie sich das Thema Tierschutz antisemitisch aufladen lässt. “Wir haben es satt – Dem Schächten ein Ende setzen”, stand darauf und zielte auf die unter Juden und Muslimen verbreitete Schlachttechnik. Auch damit stellen sich die An in die Tradition des historischen Nationalsozialismus, 1933 verabschiedeten die Nationalsozialisten das erste “Reichstierschutzgesetz” in Deutschland. Der Block wurde schließlich von anderen Demonstranten als rechtsextrem erkannt und abgedrängt.

In manchen Bundesländern gab es zeitweise rechtsextreme Tiergrueppen, die vorwiegend aus der AN-Szene stammten und darauf setzten, dass Tierschutz gerade bei Jugendlichen ein positives Image genießt. Wie grotesk der Versuch werden kann, Tierschutz mit NS-Idiologie zu verbinden, zweigt das Program der inzwischen aufgelösten “AG Tierrecht”. Sie forderten, im Interesse der genetischen Reinheit, unter anderem ein “Zucht- bzw. Kreuzungsverbot verschiedener Tierarten und -Rassen”. (S. 106)

Hier findet man noch ein wenig Kritisches zur “AG Tierecht” deren eigene Seite aber nicht mehr so wirklich da zu sein scheint. Hier direkt die Seite der nsantispe “Antispeziesisten(sic!) im nationalen Widerstand” wenn jemand verstehen will wie sich Tierrechte in so ein falsches Weltbild einarbeiten lassen.

Zum Buch: Eine ganz klare Empfehlung für auch nur jeden der sich minimal fürs Thema interessiert und für die anderen sowieso.

Zum Thema Tierschutz & Nationalismus fällt mir vor Allem ein wie wichtiges ist zu schauen was dahinter steckt wenn jemand vom Tierschutz reden. Ob von Rechts, von Sekten oder ähnlichem. Nur weil jemand eine Sache richtig sagt, heißt dass noch lange nicht, dass es unterstützenswert ist. Eine kritische Sichtweise ist da oft angebracht.

 

PS: Falls ihr beim bösen Amazon bestellt, was ich nicht natürlich nicht empfehle, werden euch die vielen recht wirren 1-Sterne Kommentare sicher auffallen. Es scheint sich also aus der rechten Szene gewehrt zu werden.

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6 Comments

  1. das ist schon gruselig, wie sich die rechte Szene verändert und versucht an Leute ranzukommen, die ursprünglich ganz andere Interessen haben. Aufpassen ist da angesagt! Schön, dass du auch hier die Zusammenhänge zur Tierrechtsbewegung untersuchst.

    1. Danke. Auf jeden Fall ist das gruselig, besonders das äußere Anpassen an die Linke Szene. Daraus folgt halt auch, dass es für Außenstehende noch leichter wird zu sagen “ach, die radikalen, ob links oder rechts, radikal ist alles schlecht”.

  2. Die versuchen es auch echt überall, widerlich! Aber ja, man sollte immer schauen, mit welchen Interessen jemand einen Standpunkt vertritt, was er von scheinbar gemeinnützigen Aktionen haben könnte und welcher Subtext verborgen ist (wobei gerade von Rechts häufig wenig subtiler Subtext als ganz offener Rassismus kommt).

    1. Ich hab oft das Gefühl, dass es Leuten egal ist, woher die Message kommt. Und das finde ich falsch. Ob es so was halbwegs harmloses ist wie “Naja, Peta sind halt sexistisch, aber ich unterstütze sie trotzdem” oder “Naja, Attilla sind Tierrecht schon egal und er ist arrogant und größenwahnsinnig, aber so jemand braucht man im Veganismus! Undogmatisch und lecker!”* bis zu hin zu “Ach, das Restaurant ist von der Sekte? Naja, was ist schon ne Sekte, sehr lecker hier”.

      Rechtsradikalismus wäre dann die Spitze natürlich. Klar, bis jetzt ist mir nicht bekannt, dass irgendein veganer Verstand oder ein veganer Kochbuchautor rechtsradikal wäre, aber wie dann wohl Leute reagieren würden?

      *Mit dem Seltsamen Unterton, dass man als Person die Kritik an ihm äußert dogmatisch wäre.

  3. Ich habe schon mal die großartige Argumentation gelesen, dass Umwelt- und Tierschutz ‘Rechte Themen’ wären und deswegen abzulehnen seien 🙂

    (Immerhin war Hitler ja auch Vegetarier :-P)

    1. Bei so einer Argumentation sage ich immer gerne “Auch Hitler musste kacken.”…

      Wenn jemand sagt, dass Hitler Vegetarier war bin ich immer kurz verwirrt ob ich zu erst sagen soll, dass das irrelevant ist, oder dass es nicht stimmt.

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